KulturValley
Kultur in Valley > Orgelzentrum > Das Orgelzentrum – Beschreibung

Das Orgelzentrum Valley

Sommerfrische für Königinnen und Pfeifen

Kein anderes Instrument verbindet laute wie leise Töne mit so viel Klangreichtum: Die Orgel, erfunden von den alten Griechen, gespielt von den Römern und nicht mehr wegzudenken aus den abendländisch-christlichen Kirchen. Im Orgelzentrum Valley hat Dr. Sixtus Lampl mit seiner Frau Inge ein einzigartiges Orgelrefugium aufgebaut, das größte in ganz Europa.

Von Claudia Angelika Leistritz

Ausgesucht hat er sich die Aufgabe nicht. Als 1980 der Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege dem damaligen Konservator und Organisten Dr. Sixtus Lampl die Begutachtung einer historischen Orgel anträgt, ahnte dieser nicht, dass sich ein Lebensprojekt daraus entwickeln würde.

Orgelzentrum-Valley-Altes-Schloss-Aussen

Das Alte Schloss in Valley – Herberge für das Orgelzentrum. Foto: Claudia Angelika Leistritz

Alles fing an mit der Orgel im Dom von St. Martin in Landshut, der letzten und größten romantischen Orgel Bayerns. Romantische Orgeln stellten bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den technisch neuesten Standard dar: Im Gegensatz zu ihrer Schwester, der Barockorgel, können sie einen größeren Klangreichtum erzeugen und Instrumente eines Orchesters besonders authentisch nachahmen. Nach dem 2. Weltkrieg war diese Musik jedoch verpönt, die „historische Aufführungspraxis“ modern: Die Orgeln wurden aus den Kirchen entfernt oder barock umgebaut, die meisten gingen unwiederbringlich verloren, keiner wollte sie haben.

Von ein paar geretteten Einzelteilen zum größten Orgelzentrum Europas

Mit der Prüfung der Landshuter Orgel wird Lampl die Bedeutung dieser verschmähten Kulturschätze bewusst und fortan versucht er vor dem Müllcontainer zu retten, was er retten kann. Das sind nicht selten nur noch einzelne Bestandteile. So wächst mit den Jahren eine stattliche Instrumentensammlung und damit die Dringlichkeit, eine geeignete Unterkunft zu finden. Nach jahrelangem Kampf mit dem Denkmalamt kann er schließlich 2008 den Umbau des Alten Schlosses Valley zu einem orgelgerechten Gebäude mit Ausstellungsräumen, Orgelsaal und Werkstätten durchsetzen.

Orgelzentrum Valley Altes Schloss Orgelsaal Einsiedler Spieltisch Detail

Organisten-Latein zum Feintuning der Töne: die Schalter und Knöpfe des Einsiedler Spieltischs. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Der Platz reicht aber bei weitem noch nicht. So lässt er die zum Abbruch freigegebene Sägewerkshalle in Grub, die sogenannte Zollingerhalle, abtragen und dessen mittlerweile denkmalgeschütztes Lamellen-Dachwerk auf einem Grundstück neben dem Schloss Stück für Stück originalgetreu wieder zusammenmontieren – auf neu errichteten Grundmauern und um ein hohes Kellergeschoss ergänzt, das als Werkstatt dient. Und schließlich lässt Lampl auch einen alten, vom Abriss bedrohten Barockstadel neben das Schloss übertragen, um die Instrumente ohne Platznot unterbringen, reparieren und ausstellen zu können.

Tausend Teile wieder zum Leben erwecken

Da die meisten Instrumente kein Museumsdasein fristen, sondern auch gespielt und dazu in Valley restauriert und instandgesetzt werden sollen, ist das Orgelzentrum kein „Museum“ – obwohl eine Reihe ausgewählter, repräsentativer Stücke natürlich ausgestellt ist. Die Werkstätten verteilen sich auf das Alte Schloss und das Kellergeschoss der Zollingerhalle. Dort und im Barockstadel lagern die in tausende von Einzelteilen zerlegten Orgeln und warten darauf, fachgerecht zusammengebaut, wieder in Kirchen aufgestellt und vor allem gespielt zu werden.

Orgelzentrum Valley Zollingerhalle mit Rokokoorgel

Genug Platz für große Orgeln: die Zollingerhalle mit der „ersten Münchner Rokokoorgel“ von 1745. Das aufwendig geschnitzte Holzgehäuse wurde für die Aufstellung erneuert. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Das sind die meisten der 60 Instrumente, denn zu besichtigen sind „nur“ 16. Darunter die riesige Orgel aus dem Hamburger Schröderstift in der Zollingerhalle mit dem gewaltigen Bild der Barmherzigkeit Jesu aus dem Jahr 1855 und dem gleichfalls gewaltigen Pfeifenwerk über dem Eingang; oder die grüne, besonders kompakte Reise-Orgel des Dirigenten und Gründers des Bach-Orchesters Karl Richter – eine Sonderanfertigung von 1974.

Orgelzentrum Valley Zollingerhalle Karl Richter Reiseorgel.

Kompakt: die Reise-Orgel des Dirigenten und Organisten Karl Richter ist eine Sonderanfertigung aus dem Jahr 1974. Karl Richter gründete den Bach-Chor und das Bach-Orchester. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Und hier steht auch die „erste Münchner Rokoko-Orgel“ von 1745 mit ihrem für die Aufstellung in der Halle erneuerten Gehäuse aus reich gestaltetem Schnitzwerk.

Doppelfunktion Museum und Konzertsaal

Als Glücksfall für ein Musikzentrum stellte sich das ausgetüftelte Dachtragwerk der Zollingerhalle heraus, das auslamellenartig senkrecht zur Dachfläche stehenden und in Rautenform miteinander verbundenen Brettern besteht. Diese Konstruktion ermöglicht es, ohne Stützen und Balken weite Räume zu überspannen – ein luftiges Holzgeflecht, das die Halle überwölbt. In dem Meisterwerk der Ingenieurskunst von 1923 entdeckte Lampl auch einen klanglich herausragenden Konzertsaal. Heute pilgern Musiker und ganze Orchester zum Schlossberg, um Ihre CDs dort einzuspielen oder Konzerte zu geben. Firmen und Familien veranstalten unter dem schmucken Holztragwerk ihre Feste, Wissenschaftler halten Symposien ab, Heiratswillige lassen sich dort oder auch im Orgelsaal des Alten Schlosses standesamtlich trauen.

Orgelzentrum Valley Altes Schloss Orgelsaal Innen

Blick in den Orgelsaal im Alten Schloss mit kunstvoll geschnitztem Spieltisch und Bank aus der Klosterkirche Einsiedeln. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Ein teures Luxusinstrument schon seit der Antike

Erfunden haben die Orgel die alten Griechen – vor mehr als 2300 Jahren. Ursprünglich hatte sie nur sechs Pfeifen und wurde bei repräsentativen Veranstaltungen gespielt, wie zur Ehrung des Kaisers. Auch die Römer verwendeten sie in ihren Arenen. Nur dieses Instrument schafft es, bei farbigem Klangbild große Räume bis in die letzte Ecke mit Klang zu erfüllen. Zudem kann es leises Säuseln gleichermaßen wie gewaltiges Donnern hervorbringen.

Orgelzentrum Valley Text Musizierende Engel Orgel Genter Altar

Musizierende Engel mit einer mittelalterlichen Orgel. Am linken Seitenrand kann man den Haarschopf des vermutlichen Balgtreter-Engels erahnen. Ausschnitt aus dem „Genter Altar“ des Jan van Eyck, 15. Jahrhundert.

Die Orgel galt ehedem als Luxusgerät, das Reiche auch in kleinerem Format als Hausorgel bei sich aufstellten, und technisches Wunderwerk – nicht ohne Grund wurde das weltweit größte Musikinstrument mit dem Titel „Königin der Instrumente“ geadelt. Das ist von Mozart bezeugt, aber bereits im 14. Jahrhundert vom Dichter und Musiker Guillaume de Machaut erwähnt. Der große Unterschied zu heute: Wozu man früher die Faust nahm, reicht heute ein Fingertipp – die heutige, aufwendige Technik ermöglicht ein „leichtes“ Spiel.

Mechanik, Mechanik, Mechanik: vom Tastendruck zum Pfeifenton

Auf den Betrachter und Zuhörer wirken Orgeln wie riesige, lärmende, aus einer anderen Zeit stammende Ungetüme. Für einen ausreichend lauten Ton ist die Größe aber nötig: Denn anders als beim Klavier, bei dem durch einen Fingerdruck auf kürzestem Weg ein kleines Filzhämmerchen die Saite zum Klingen bringt, muss hier durch eine ausgefeilte Mechanik großer Druck erzeugt werden, um die Luft in die mit dem Tastendruck angezeigte Pfeife zu pressen und zum Tönen zu bringen.

Orgelzentrum Valley Altes Schloss Orgelsaal Spieltisch Einsiedeln

Orgelcockpit: Der Spieltisch aus der Klosterkirche Einsiedeln. Das dazu gehörende Pfeifenwerk ging verloren. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Um riesige Räume zu bespielen braucht man viele entsprechend große Orgelpfeifen und damit viel Platz, um die benötigte Druckluft erzeugen und zu den Pfeifen leiten zu können. Auch die Größe der verschieden Pfeifen spielt eine Rolle: So entsteht mehr Klangfülle und -reichtum. Um hunderte und tausende von Bestandteilen zu einem wohlklingenden Zusammenspiel zu bewegen, ist eine also ausgetüftelte, in den Jahrhunderten immer komplexer entwickelte Technik nötig.

Ausgefeilte Technik erzeugt einen besonders reichen Klang

Die Töne entstehen nach dem Prinzip eines Blasinstruments, bei dem ein Luftstrom den Klang erzeugt. Jede einzelne Orgelpfeife steht für einen bestimmten Ton, je mehr davon erklingen können, umso mehr Klangreichtum ist möglich. Für den Luftstrom sorgt ein Gebläse. Früher war das ein Blasebalg, den je nach Größe mehrere Balgtreter bedienten, später besorgten das elektrisch betriebene Gebläse. Es kann schon auch einmal 15 km Draht brauchen, um die Luft durch die entsprechenden Kanäle zu den verschieden großen Pfeifen zu leiten und die Schalthebel, Tasten und Einstellungen des Spieltischs mit dem tonerzeugenden Pfeifenwerk zu verbinden.

Orgelzentrum Valley Schaltwerk Altes Schloss Spieltisch

Geheimsprache für Organisten: Das Schaltwerk eines Spieltischs. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Bei dem komplizierten Zusammenspiel der unüberschaubaren Einzelteile ist es also kein Wunder, dass diese Instrumente so wuchtig ausfallen. Ganz nebenbei trug die Verwendung der Orgel als Begleitinstrument für Sänger auch maßgeblich zur Entwicklung des mehrstimmigen Gesangs bei – ein tragendes Element der abendländischen Kultur.

Altes Schloß und Zollingerhalle – ein einzigartiges Kulturzentrum

Lampl kümmert sich selbst um die Finanzierung des Zentrums und hat alle Hände voll zu tun, das „Kulturgut Orgel“ zu erhalten.

Orgelzentrum Valley Zollingerhalle Dachtragwerk

Könnte auch problemlos das Gewicht einer Lokomotive aushalten: die Dachkonstruktion der Zollingerhalle. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Dazu hat er sich einiges einfallen lassen, und mittlerweile ist das Orgelzentrum über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Instrumente werden deutschlandweit sowie aus der Schweiz, Österreich und Tirol nach Valley zur Reparatur gebracht. Unter anderem vermietet Sixtus Lampl die Räumlichkeiten für Jubiläen, Seminare, CD-Einspielungen und Konzerte und bietet neben Erwachsenen- auch Kinderführungen an, in denen er die Funktionsweise von Orgeln anschaulich erklärt, zum Beispiel anhand von Wasserbottichen. Eine Veranstaltung übrigens, zu der Erwachsene, Eltern und Großeltern auffallend gerne die Kinder begleiten.

In seinem eigenen Schlossverlag gibt Lampl Führer über das Orgelzentrum oder auch über den Rokoko-Baumeister Dominikus Zimmermann heraus. Als ehemaliger Konservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München hat er schon immer Kunstführer geschrieben -zu den Kirchen im Miesbacher Raum oder über barocke Kunst.

Orgelzentrum Valley Schnittmodell Altes Schloss Orgel

„Readymade“: Das Schnittmodell einer zweimanualigen Orgel mit mechanischer Steuerung als Kunstwerk im Alten Schloss. Foto: Claudia Angelika Leistritz.

Neue Publikationen entstehen oft gemeinsam mit Aufnahmen von Musikstücken, die in Kirchen oder in der Zollingerhalle aufgenommen werden.

Unermüdlich ist Sixtus Lampl für den Erhalt seines Projekts im Einsatz, neben den Führungen restauriert er die Instrumente in Zusammenarbeit mit speziell geschulten Ingenieuren und Orgelbaumeistern, er schreibt und hält Vorträge. Wie der 1941 geborene Schlierseer das alles schafft? „Das Kulturgut Orgel zu erhalten und deren Bedeutung zu vermitteln ist meine Motivation“. Dafür will er sich einsetzen, solange es geht. Dass das möglich ist, verdankt er auch seinen Mitarbeitern und nicht zuletzt seiner Frau, der Pianistin Inge Lampl, „die da nicht davongelaufen ist, sondern mithilft.“ Was dieser Einsatz zustande bringt, lässt sich sehen.

 

Besichtigt werden kann das Orgelmuseum, also die Orgeln in der Zollingerhalle und im Alten Schloss, normalerweise von Ostern bis Oktober jeden Samstag von 10.00 bis 12.00 Uhr sowie bei Führungen, die für Gruppen das ganze Jahr hindurch nach telefonischer Anmeldung stattfinden.Eine Führung kostet etwa 8 Euro pro Person (bei mindestens 20 Personen), Kinder und Jugendliche in Begleitung haben freien Eintritt. Die Besichtigung der Zollingerhalle alleine kostet 2 Euro.


Kurzes Video von einer Führung mit Sixtus Lampl

Logo der Gemeinde Valley Link zu NN Link zu Facebook
Diese Website wird über das OpenSource-CMS WordPress gepflegt.